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Wie Orientierung die Atmung beeinflusst

Beim Rolfing arbeiten wir viel mit der Orientierung. Wir versuchen eine Balance herzustellen. Wenn Sie schon Rolfing-Sitzungen hatten, ist Ihnen das aufgefallen? Vielleicht erinnern Sie sich, nach der einen oder anderen Sitzung haben sie gespürt, dass der Boden präsenter ist, die Füße satteren Kontakt haben, Sie sich mehr "geerdet" fühlen. Nach einer anderen Sitzung haben Sie vielleicht mehr Leichtigkeit und ein Streben des Körpers nach oben wahrgenommen. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind auch Hinweise auf Ihre Orientierungstendenz in diesem Moment. 

 

Zwei Grundtypen der Orientierung

 

Grob vereinfacht, lassen sich die Menschen unterscheiden in diejenigen, die eher zum Raum und nach oben orientiert sind, und diejenigen, die sich eher zum Boden und zur Schwerkraft hin orientieren. Die einen tendieren zum "Luftikus", die anderen finden ihre Heimat eher am Boden. Beide Modalitäten sind in jedem von uns angelegt, aber es ist selten, dass beide ausbalanciert sind. Bei den allermeisten von uns findet sich eine Präferenz für das eine oder andere. Sehen Sie sich das Foto genau an. Können Sie erkennen, wer welche Präferenz hat?

 

 

Orientierung und Atmung

 

Wer sich mehr zum Boden hin orientiert, hat meist eine Präferenz für Bauchatmung und die Phase der Ausatmung. Wer sich eher in den Raum hinaus orientiert, betont eher die Phase der Einatmung, und das Lungenvolumen ist größer.

 

Wollen Sie dazu eine kleine Selbsterkundung machen?

Setzen Sie sich bequem auf einen Stuhl, Oberkörper ohne Anstrengung aufgerichtet. Kippen Sie Ihr Becken dafür so, dass Sie ihr Gewicht leicht vor den Sitzhöckern positionieren, so dass Wirbelsäule und Kopf nach oben streben, ohne zusätzliche Anspannung der Muskeln am Rücken. Wir fangen an:

  • Senken Sie ihren Kopf nur ganz leicht und blicken Sie nach unten auf den Boden. Atmen Sie mühelos durch die Nase ein und aus. Bei der Einatmung nehmen Sie wahr, wie sich der untere Teil der Lunge und des Brustkorbs füllt und der Bauch sich leicht nach außen wölbt. Wie weit steigt der Atem im Brustkorb nach oben? Spüren Sie auch die Qualität Ihrer Ausatmung und der Pause danach, bevor Sie wieder einatmen. Lassen Sie sich Zeit für diese Beobachtung.
  • Lassen Sie die Augen nun in Richtung Horizont wandern, vielleicht sogar einen Tick darüber. Bei der nächsten Einatmung beobachten Sie, wie sich der Atem diesmal ausbreitet, wie weit er seine Bewegung vom unteren Brustkorb nach oben fortsetzt. Wenn sie so weiter atmen, werden Sie wahrscheinlich bemerken, dass Sie auf diese Weise müheloser und freier tief einatmen  können. Und bei der Ausatmung ist möglicherweise auch spürbar, dass Sie Ihr Gewicht noch bequemer über das Becken zum Stuhl hin abgeben können.

Allein die Orientierung, die Richtung unserer Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, kann also unsere Atmung prägen.

Aber warum ist das überhaupt wichtig? 

 

Use it or Lose it

 

Beim Rolfing arbeiten wir viel mit der Atembewegung; wir wollen erreichen, dass sie sich im ganzen Körper möglichst ungehindert ausbreiten kann. Dazu lockern wir oberflächliche Faszien des Brustkorbs, arbeiten am Zwerchfell, befreien den Schultergürtel, aber auch die Arbeit an den Faszien der Beine und Füße ist wichtig. Der Körper soll durchlässig werden für die Bewegung des Atmens.

 

Wir atmen im Schnitt etwa 17.000 bis 20.000 Mal am Tag. Jede Bewegung, die wir machen oder nicht machen, wirkt sich mittel- und langfristig auf unsere Struktur aus. Sie ist prägend für unsere Körperstruktur. Je weniger Bewegung, desto unflexibler die Struktur. Umgekehrt beeinflusst die Struktur Bewegung. Je unflexibler die Struktur, desto weniger Bewegungsfreiheit. "Use ist or lose it" - ein sehr überbeanspruchter Spruch, er trifft aber eben zu. Denn die Faszien bauen sich so um, wie sie benutzt werden. Und so können sie uns auch strukturell "fesseln".

 

Eine flache Atmung lässt unseren Brustkorb enger werden, die Rippen werden über kurz oder lang unbeweglicher. Kurzatmigkeit, selbst Herzprobleme können die Folge sein. Und auch die Bauchorgane vermissen dann natürliche Bewegungsimpulse. Unsere heutige Lebensweise mit viel Sitzen trägt dazu bei. Aber auch eine konstante Betonung der Einatmung hat ihre Tücken. Für diese Menschen ist es oft schwierig, mit der Ausatmung wirklich loszulassen. Ihr Nervensystem kann dann nicht mehr ausreichend "herunterfahren". Es geht also auch um eine Balance zwischen den beiden Zweigen des autonomen Nervensystems, Sympathikus (Aktivierung) und Parasympathikus (Regeneration).

 

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Menschen, die in der Vergangenheit von Asthma-Anfällen geplagt worden sind, können es möglicherweise schlicht nicht zulassen, mit der Ausatmung vollständig loszulassen, weil ihr Nervensystem dann einen Alarmzustand signalisiert: nicht genug Luft!

Der Atemzyklus

In jedem Fall möchte ich Sie in diesem Frühling 2021, trotz der angespannten Gesamtsituation, ermuntern, Ihre Atmung und Bewegung in freier Natur zu erkunden. Ihre Augen auf den Neubeginn zu richten (ohne zu fokussieren), ihre Nase schnuppern zu lassen, ihre Ohren zu öffnen. Und dabei die Füße vertrauensvoll den Boden spüren lassen.

Denn das kann uns allen jetzt unglaublich gut tun.