Wenn man der landläufigen Empfehlung heutzutage folgt, ist Krafttraining mit zunehmendem Alter nötig, um gesund zur bleiben. Kaum ein Artikel über gesundes Altern kommt ohne die Warnung aus, dass wir „abbauen“, wenn wir nicht konsequent dagegen trainieren.
Doch vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie viel Kraft wir brauchen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage: Wofür brauchen wir Kraft - in welchen Situationen? Die Antwort auf diese Frage kann nicht pauschal sein, sie ist individuell.
Für Kraft und Beweglichkeit gilt: Use it or lose it
Was nicht mehr gebraucht wird, verschwindet. Was gebraucht wird, bleibt – oft erstaunlich lange.
Ja, mit dem Älterwerden verändert sich der Körper. Muskelmasse nimmt ab, auch Reaktionszeiten werden oft langsamer, Regeneration braucht länger.
Aber vieles von dem, was wir als „altersbedingten Abbau“ bezeichnen, ist weniger biologisches Schicksal als eine Frage der Nutzung.
Das gleiche gilt für Beweglichkeit. Was wir nicht bewegen, wird starr. Allerdings, ja, unsere Faszien werden im Alter etwas spröder, können weniger Wasser speichern. Doch wenn wir uns artgerecht und vielseitig bewegen, werden wir beweglich genug bleiben.
Faszien-Orthopäde: Ältere brauchen kein Krafttraining
Dr. Arvid Neumann hat es in seinem Buch „Die Fitness-Lüge“ auf den Punkt gebracht: Das herkömmliche Krafttraining mit isolierten und immer gleichen Bewegungen macht nicht fit für’s Leben.
Es hilft dem Körper nicht dabei, in unvorhergesehenen Situationen im Alltag adäquat zu reagieren. Unter anderem deshalb, weil die feine Körperwahrnehmung beim Krafttraining außen vor bleibt. Abgesehen davon, dass die antrainierte Muskelkraft im Alltag oft gar nicht benutzt wird. Dazu kommt die maßgebliche Rolle des Faszien-Gewebes bei Kraftübertragung im Körper, die beim Krafttraining vernachlässigt wird.
Aber klar: Jeder Mensch auch im Alter braucht Kraft-Impulse. Nicht nur Heben und Tragen, auch konsequent Treppen steigen zum Beispiel. Aus der Hocke ohne Hilfe der Hände nach oben kommen. Man kann erfinderisch werden. Man braucht keine Kraft-Maschinen, man hat ja sein eigenes Körpergewicht.
Beweglichkeit nicht maximal denken
Bei dieser Überschrift denke ich an meine Anfänge mit dem Yoga, als ich den Ehrgeiz hatte, aus dem aufrechten Stehen den Boden mit den Handflächen zur erreichen. Das konnten doch fast alle anderen ;-) Es hat etwas gedauert, bis ich erstens den Ehrgeiz aus meiner Yoga-Praxis verbannt und zweitens kapiert hatte, dass diese Übung für Menschen schwer realisierbar ist, deren Beine länger sind als der Oberkörper.
Wer Yoga oder andere Bewegungsformen praktiziert, die die Flexibilität fördern, der sei ermutigt, das auch im Alter fortzuführen - ohne Ehrgeiz, aber mit Freude an Bewegung!
Beweglichkeit bedeutet nicht „immer weiter“. Ein beweglicher Körper ist einer, der Optionen hat – und zwischen ihnen wechseln kann.
Auch bei der Beweglichkeit, der Flexibilität ist entscheidend, wir wir uns im Alltag verhalten. Beim Gehen, beim Drehen, beim Wechsel von Positionen, in Situationen, die unser Gleichgewicht herausfordern.
Ich bin ein Fan des gesunden Gehens, das eine Ganzkörperbewegung ist, von den Füßen bis zum Kopf. Wer dieses schwungvolle Gehen praktiziert, erspart sich auf Dauer einiges an Beschwerden.
Schwungvoll ist ein Stichwort: Faszien mögen es schwungvoll, das trainiert sie. Auch ein Faktor, Verletzungen zu vermeiden.
Wenn Sie etwas für ihren unteren Rücken tun wollen, setzen Sie sich in die Hocke und federn dann. Wunderbar. Wenn Sie die Schnürsenkel binden, federn Sie beim Bücken nach unten und oben.
Reaktionsfähigkeit: der entscheidende Moment
Mit zunehmendem Alter wird dieser Faktor besonders wichtig. Nicht die Muskelkraft, sondern wie schnell und koordiniert wir auf Unerwartetes reagieren können.
Ein Stolpern, ein Ausrutscher, ein plötzlicher Richtungswechsel.
Dabei entscheidet nicht Kraft, dabei entscheiden Wahrnehmung, Timing, eine gute Organisation des gesamten Körpers. Ein Körper, der sich gut spürt, reagiert schneller – und braucht weniger Kraft, um sich zu stabilisieren.
Ein anpassungsfähiger Körper hat Optionen, schnell und flexibel neue Strategien zu finden und sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Eine Frage der Qualität von Bewegung.
Rolfing: mehr Beweglichkeit und Körpergefühl
Beim Rolfing geht es nicht darum, Kraft und Leistung zu steigern oder Beweglichkeit zu erzwingen. Es geht darum, wie wir dem Körper als Ganzes helfen können, sich besser zu organisieren. Durch die gezielte Arbeit mit den Faszien werden Bewegungen fließender und freier, die Körperwahrnehmung wird aufgeweckt.
Ein gut organisierter Körper muss nicht stärker sein, um sicherer zu sein. Ein gut organisierter Körper fühlt sich stabiler an, weil er sich feiner wahrnimmt und flexibler reagieren kann. Das ist der Grund, warum Rolfing Ihnen nicht nur mehr Bewegungsfreiheit bringen kann, warum es Ihre Lebensqualität nachhaltig verbessern kann..
